Lange dachte ich, eine starke Frau braucht niemanden. Heute sage ich: Ich brauche meinen Partner. Und ich finde das überhaupt nicht mehr falsch.
Zehn Jahre lang hätte ich diesen Satz allerdings nicht geschrieben – und auch nicht geglaubt, dass ich das jemals sagen würde: Ich brauche meinen Partner.
Das liegt vor allem daran, dass ich selbst die tiefere Bedeutung dieses Satzes nicht kannte. Denn es geht nicht darum, dass ich ohne Mann nicht lebensfähig wäre. Das Gegenteil habe ich mir lange genug bewiesen.
Ich kann allein leben. Ich kann mein eigenes Geld verdienen, Entscheidungen treffen, Krisen bewältigen, Verantwortung übernehmen und meine Kinder großziehen. Ich weiß, dass mein Leben auch ohne einen Mann funktioniert.
Ich muss mir meine Unabhängigkeit nicht mehr beweisen.
Wann ist „brauchen“ eigentlich zum Problem geworden?
Wir Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich viel Unabhängigkeit gewonnen. Und das war bitter nötig.
Wir brauchen heute keinen Mann mehr, der uns finanziert. Keinen Mann, um gesellschaftlich als vollständig zu gelten. Keinen Mann, der für uns Entscheidungen trifft oder ohne den unser Leben wirtschaftlich nicht funktioniert.
Und viele von uns haben in den letzten Jahren folgendes gelernt: wie gut es sich anfühlen kann, nach einer schwierigen Beziehung endlich wieder (oder erstmals) auf eigenen Beinen zu stehen.
Plötzlich ist da der eigene Raum. Die eigene Zeit. Das eigene Geld. Niemand, auf den ständig Rücksicht genommen werden muss. Niemand, für den man sich verbiegt oder dessen Bedürfnisse selbstverständlich wichtiger genommen werden als die eigenen.
„Ich brauche keinen Mann.“ – Ist mittlerweile ein oft gehörter Satz, der sich nach einer Beziehung, in der man sich selbst immer weiter verloren hat, unglaublich befreiend anfühlen kann.
Nur frage ich mich inzwischen: Muss die Geschichte an dieser Stelle wirklich zu Ende sein?
Denn aus dem wichtigen Satz „Ich brauche keinen Mann, um mein Leben leben zu können“ ist beinahe unbemerkt noch ein anderer geworden: Ich sollte einen Mann am besten überhaupt nicht brauchen.
Und genau da wird es für mich interessant.
Es kommt darauf an, wofür wir einen Menschen brauchen
Ja, natürlich gibt es Formen des Brauchens, die nichts mit einer freien Beziehung auf Augenhöhe zu tun haben.
Wenn meine wirtschaftliche Existenz von meinem Partner abhängt, wenn ich meine Meinung nicht mehr sagen kann, weil ich Angst habe, dass er geht, oder wenn ich mich selbst immer kleiner machen muss, damit die Beziehung bestehen bleibt, dann hat mein „Ich brauche dich“ einen hohen Preis.
Aber ist das wirklich die einzige Form, in der zwei Menschen einander brauchen können?
In meinem neuen Video erzähle ich von drei sehr unterschiedlichen Beziehungsrealitäten. Von Frauen, die ohne ihren Partner tatsächlich nicht können. Von Frauen, die danach sagen: „Bloß keinen Mann mehr.“ Und von einer dritten Möglichkeit, über die wir meiner Meinung nach viel zu wenig sprechen.
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Mehr InformationenWas gibt es eigentlich nur durch ein „Wir“?
Diese Frage beschäftigt mich inzwischen viel mehr. Denn wir reden sehr viel darüber, was ein erwachsener Mensch alles selbst können sollte. Und ich finde das richtig. Aber vielleicht haben wir darüber etwas aus den Augen verloren:
Eine Beziehung besteht nicht einfach aus zwei vollständigen Einzelpersonen, die zufällig nebeneinander ihr Leben führen.
Zwischen zwei Menschen kann etwas entstehen, das keiner von beiden allein herstellen kann.
Es entstehen Gespräche, die ich mit keinem anderen Menschen führe. Gemeinsame Erinnerungen. Körperliche Vertrautheit. Insider, die kein Außenstehender versteht. Eine ganz bestimmte Art, angesehen und berührt zu werden. Gemeinsame Erfahrungen und Entwicklungen.
Es entsteht dieses ganz eigene „Wir“.
Und dieses Wir macht keinen der beiden Menschen kleiner. Im besten Fall ist das Gegenteil der Fall.
Deshalb gefällt mir die Vorstellung auch nicht mehr, ein Partner müsse für einen unabhängigen Menschen lediglich ein „Nice to have“ sein. Am besten austauschbar und schon gar nicht emotional verbunden. Nicht dass man da wieder in alte Rollenbilder schlüpft!
Ja, ich weiß. Ich habe selbst lange gedacht: Wenn Partnerschaft, dann maximal autark! Und das bedeutet eben auch, sich nicht mehr voll aufeinander einzulassen und vieles, was in Beziehung möglich ist, direkt auszuschließen – Zusammenziehen zum Beispiel.
Denn natürlich soll mein Leben auch ohne ihn funktionieren.
Aber warum sollte daraus folgen, dass es keinen großen Unterschied machen darf, ob genau dieser Mensch in meinem Leben ist oder nicht?
Ich will für meinen Partner nicht austauschbar sein
Und ich möchte auch meinen Partner nicht als austauschbar erleben.
Ich brauche seine Nähe. Seine Berührungen. Unsere Gespräche. Seine warme Stimme. Seinen Blick auf mich. Ich brauche diese ganz spezielle Form von Intimität und Verbundenheit, die zwischen uns entstanden ist.
Natürlich könnte ich auch ohne all das weiterleben. Aber das macht es doch nicht bedeutungslos. Im Gegenteil.
Wir brauchen einander nicht, weil wir alleine nicht lebensfähig wären. Wir brauchen einander, weil unsere Beziehung etwas entstehen lässt, das es ohne diesen Menschen gar nicht gäbe.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Abhängigkeit und Verbundenheit und hat im Kern die Entwicklung der eigenen Liebesfähigkeit.
Vielleicht war Unabhängigkeit nur der Anfang
Für mich war es enorm wichtig zu erfahren, dass ich allein sein kann.
Nach meiner Trennung musste ich mein Leben neu aufstellen. Und irgendwann wusste ich nicht nur theoretisch, sondern aus eigener Erfahrung: Ich komme allein klar.
Das ist eine wundervolle Erfahrung, denn in dieser Unabhängigkeit wird ein neues ICH geboren. Eins das sich zum ersten Mal selbst wahrnimmt, erkennt und lebt. Und dieses neue Ich kann nicht mehr in alte Rollen schlüpfen.
Und genau deshalb glaube ich, dass nach der Eigenständigkeit noch eine andere Entwicklungsaufgabe auf uns wartet.
Es ist nur eine Phase und es geht nicht darum, komplett unabhängig zu bleiben und noch weniger von anderen Menschen zu brauchen.
Sondern es geht darum mich wieder tief mit einem Menschen zu verbinden, ohne mich dabei selbst zu verlieren.
Vielleicht ist das sogar die größere Herausforderung.
Eine Beziehung zu führen und trotzdem den eigenen Raum zu behalten. Eigene Freunde, eigenes Geld, eigene Interessen, eigene Entscheidungen. Nicht sofort alles zusammenzuwerfen, nur weil man verliebt ist. Und gleichzeitig einen anderen Menschen so nah heranzulassen, dass er eben nicht egal und nicht austauschbar ist.
Ich kann ohne dich. Aber ich möchte nicht ohne dich.
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt für mich heute kein Widerspruch mehr.
Ich muss mich nicht zwischen Unabhängigkeit und Liebe entscheiden.
Und ich muss meinen Partner auch nicht künstlich zu einer netten Zugabe meines ansonsten völlig autarken Lebens erklären, um weiterhin meinem neuen Ich gerecht zu werden.
Vielleicht ist nämlich gar nicht das Sich-Brauchen das Problem.
Vielleicht war das Problem unsere alte Vorstellung davon, dass Liebe und Brauchen automatisch bedeuten, sich selbst aufgeben zu müssen.
Heute sehe ich das anders.
Ich brauche meinen Partner.
Nicht, damit mein Leben funktioniert und meine Existenz gesichert ist, sondern weil dieser eine Mensch und das, was zwischen uns entstanden ist, einen Unterschied in meinem Leben macht.
Und genau das darf Liebe für mich auch. Und auch für dich.
Von Abhängigkeit über Unabhängigkeit zur Liebe auf Augenhöhe
Wenn dich dieser Gedanke beschäftigt, habe ich dazu noch etwas für dich: In meinem kostenlosen Audio über Beziehung auf Augenhöhe beschreibe ich ausführlicher den Weg von der abhängigen Beziehung über die Unabhängigkeit hin zu einer Form von Liebe, in der beides möglich wird: Freiheit und tiefe Verbundenheit.



