Silke Wildner spricht im Magazin darüber, warum viele Frauen keine Beziehung mehr wollen und sich stattdessen eine Beziehung auf Augenhöhe wünschen.

Ich glaube nicht, dass Frauen keine Beziehung mehr wollen

Viele Frauen haben die Sehnsucht nach Liebe nicht verloren.

Immer wieder höre ich einen Satz von Frauen in meiner Begleitung, den ich auch von mir sehr gut kenne:

„Ich brauche keinen Mann mehr.“

Auf den ersten Blick wirkt das so, als hätten diese Frauen endgültig mit Beziehungen abgeschlossen. Doch je länger ich zuhöre, desto deutlicher wird: Die wenigsten haben die Sehnsucht nach Liebe verloren.

Was sie verloren haben, ist die Bereitschaft, in einer Beziehung wieder die Hauptverantwortung für alles zu tragen – als Mädchen für alles oder Mutter eines großen, erwachsenen Jungen!

Genau darüber spreche ich auch in diesem Video:

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Wenn sich Beziehung nur nach Verantwortung anfühlt

Ich kenne dieses Gefühl selbst nur zu gut. Bis zu meiner Trennung und Scheidung war ich oft diejenige, die den Überblick behalten hatte. Ich wusste, wann Geburtstage anstanden, organisierte Feste und Treffen und wusste als einzige, was am Tag für meinen Mann und die Kinder anstand – und am nächsten und übernächsten. Wenn etwas gesucht wurde, wurde ich gefragt.

„Mama, wo ist mein Ball?“
„Schatz, was soll ich einkaufen?“

Diese kleinen Situationen wirken für sich genommen harmlos. Doch über Jahre entsteht daraus eine Dynamik, in der eine Person immer mehr Verantwortung übernimmt und die andere sich daran gewöhnt.

Irgendwann fühlt sich Beziehung nicht mehr nach Liebe, Zweisamkeit, Geborgenheit und Geben und Nehmen an, sondern nach einer großen, zusätzlichen Pflicht.

Dann überrascht es kaum, dass sich das Alleinsein  plötzlich leichter anfühlt und viele nach so einer Erfahrung lieber Single bleiben wollen statt sich mit Online-Dating zu beschäftigen.

Nicht, weil man keine Liebe mehr möchte, sondern weil man sich endlich nur noch um sich selbst kümmern muss. Das setzt Energien und Ressourcen frei und plötzlich ist da Zeit für alles, was man vorher immer wieder aufgeschoben hatte.

Die Wahrheit hinter „Ich brauche keinen Partner mehr“

Nach meiner Scheidung war ich zehn Jahre alleinerziehend. In dieser Zeit habe ich viele Beziehungsmuster erkannt – bei mir selbst und später auch in den Gesprächen mit anderen Frauen.

Deshalb glaube ich heute: Wenn eine Frau sagt, sie brauche keinen Mann mehr, meint sie nur selten, dass sie keine Beziehung mehr möchte. Viel häufiger meint sie: „Ich möchte nicht noch einmal die Mutter eines erwachsenen Mannes werden.“

Das klingt hart. Doch genau so beschreiben es viele Frauen.

Eigene Kinder zu begleiten, ist das eine. Aber zusätzlich dauerhaft für einen erwachsenen Partner mitzudenken, Termine im Blick zu behalten, emotionale Verantwortung zu tragen und ständig alles zu organisieren, darauf haben viele schlicht keine Lust mehr. Und das ist nachvollziehbar.

Die unsichtbare Arbeit, über die kaum gesprochen wird

Heute gibt es dafür Begriffe: Mental Load und Care-Arbeit.

Gemeint ist all das, was im Hintergrund ständig mitläuft:

  • Wer denkt an das Geschenk für die Schwiegermutter?
  • Wer macht die Termine und Spiele-Dates der Kinder aus?
  • Wer plant den Familienalltag und sorgt sich ums Essen?
  • Wer merkt, wenn etwas fehlt?
  • Wer pflegt kranke Familienmitglieder?

Oft übernehmen Frauen diese Aufgaben ganz selbstverständlich. Nicht, weil sie dafür geboren wurden, sondern weil sie es über viele Jahre gelernt haben.

Ich glaube übrigens nicht an ein angebliches „Mütter-Gen“.

Auch ich war nach der Geburt meiner Kinder nicht plötzlich mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet. Ich habe hingeschaut, Verantwortung übernommen und vieles gelernt – genau wie jeder andere Mensch es lernen kann.

Das unsichtbare Konto

Das ist viel Arbeit und so hoffen Frauen meist stillschweigend darauf, dass ihre Mühen gesehen werden und es später einmal einen Ausgleich dafür gibt. 

Und so entsteht die Vorstellung: „Wenn ich mich heute um alles kümmere, wird sich später auch jemand um mich kümmern.“

Ich habe selbst lange daran geglaubt. Heute weiß ich: Dieses Konto, auf das man vermeintlich mit seiner vielen Arbeit für die Beziehung und die Familie einzahlt, existiert meistens nur in unserem Kopf.

Dieses Konto ist genauso unsichtbar, wie die viele Arbeit, die wir für die Familie, die Kinder, den Partner, die Beziehung und den Freundeskreis leisten.

Wer ständig gibt, bekommt nicht automatisch irgendwann alles zurück.

Und wenn man diese Erfahrung gemacht hat, dann zahlt man lieber nur noch auf das eigene Konto ein und genießt das Alleinsein, dass sich im Gegensatz dazu überraschend frei anfühlen kann.

Du bist nicht beziehungsunfähig

Wenn sich Alleinsein für dich gerade leichter anfühlt als Beziehung, bedeutet das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es bedeutet oft nur, dass du keine Beziehung mehr möchtest, in der Verantwortung ungleich verteilt ist und deine Bedürfnisse zu kurz kommen. Man nennt das auch eine co-abhängige Beziehung und die ist nicht auf Augenhöhe!

Ich glaube sogar, dass die Sehnsucht nach einer wirklich tragenden Liebe bei den meisten Frauen nie verschwunden ist. Wir wünschen uns Nähe, Verbundenheit, Geborgenheit und Liebe. Das ist keine romantische Verklärung, sondern das, was wir Menschen als soziale Wesen entwickeln und schulen wollen: Die eigene Liebesfähigkeit. Und das gelingt vor allem in einer Paarbeziehung. Aber wenn die eigenen Beziehungserfahrungen anders aussehen, dann nimmt man Abstand davon.

Ein Grund, warum immer mehr Frauen Single sind. Es ist in vielen Fällen einfach das kleinere Übel. Das heißt aber nicht, dass du beziehungsunfähig bist, wenn du das auch so empfindest. Ich würde es eher beziehungsmüde nennen.

Und hier spielen auch gelernte Rollen und Beziehungsmuster aus der eigenen Kindheit, aber auch Geschichten, Märchen und gesellschaftliche Normen und Erwartungen mit rein.

Wir probieren es noch zu oft auf die „alte Art und Weise“, stellen uns immer wieder zurück und kommen einfach nicht ans Ziel von „und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Warum? Weil diese Zeiten vorbei sind und wir heute aus dem Schatten heraustreten und es ganz anders machen dürfen als noch unsere Eltern und Großeltern.

Du hast dich in diesem Artikel wiedererkannt?

Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast und verstehen willst, wie Beziehung für dich besser und auf Augenhöhe funktionieren kann, dann kann das Orientierungsgespräch ein wertvoller erster Impuls sein.

Gemeinsam schauen wir auf deine aktuelle Situation, erkennen erste Zusammenhänge und entwickeln neue Perspektiven. Oft reicht schon eine Stunde, um mit deutlich mehr Klarheit und Erleichterung das eigene Leben und die Beziehungen neu zu betrachten. Und vor allem wieder selbstwirksam zu werden!

Warum erleben wir gerade so viele Trennungen?

Ich glaube, dass genau hier einer der Gründe für die vielen Trennungen unserer Zeit liegt. Alte Rollenbilder funktionieren für viele Frauen nicht mehr. Gleichzeitig wissen viele Paare noch nicht, wie Beziehung auf Augenhöhe tatsächlich gelebt werden kann.

🎧 Zu diesem Thema habe ich ein kostenloses Audio aufgenommen.

Darin teile ich meine Gedanken zur aktuellen Trennungswelle und warum gerade jetzt so viele Frauen spüren, dass alte Beziehungsmuster nicht mehr funktionieren.

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